Adventskalender 2020 - Eigentörchen 4

 

 

Eigentörchen zum Advent


Eine unbeschriftete Videokassette

 

 


Einige werden sich fragen, was ist das denn? Früher zeichnete man Fernsehsendungen mit einem Videorekorder auf, um es sich zu einem späteren Zeitpunkt ansehen zu können. Vorzugsweise habe ich früher Sportsendungen aufgezeichnet, und siehe da: Auf der Videokassette ist Fußball.


Zu sehen gibt es ein glorreiches 4:0 Auswärts in der Domstadt. Kurzerhand ist hier die Vier des heutigen Tages erklärt. Es handelt sich um das Spiel am 13.11.1993 im Müngersdorfer Stadion. Was das Spiel so besonders unvergesslich macht, ist der Torjubel im Torjubel.


Wie so häufig dominierten wir die Partie beim FC und gingen mit 2 Toren von Martin Max in die Halbzeitpause. In der 58. Minute gab es einen herrlichen Konter zum 3:0 durch Peter Wynhoff und keine 2 Minuten später, wir waren noch mittendrin im Torjubel, lief Martin Max erneut auf das Kölner Tor zu und schob zum 4:0 ein. Wie immer waren gut 15.000 Gladbachfans in Müngersdorf, und so sah man überall nur noch Arme und Beine rumfliegen.


Der Videomitschnitt war übrigens aus RAN – der Fußballshow. Daher erzähle ich nun nicht noch mehr Auswärtssieggeschichten bei unserem Lieblingsgegner, sondern über die wachsende Bedeutung der TV-Rechte. Mir ist aus den 90er Jahren eine Titelgeschichte aus dem Kicker in Erinnerung geblieben. Uli Hoeneß teilte dort seine Visionen über das Pay TV mit. Der Kunde vor dem Fernseher sollte für die Spiele, die er schaut, bezahlen. Zu dieser Zeit las sich das wie ein Sciences Fiction Roman. Heute, im Zeitalter von Sky Ticket, ist es nur noch eine nette Anekdote.


Mit Start der Saison 1992/93 war in jeder Hinsicht ein einschneidendes Jahr in der Kommerzialisierung des Fußballs. Die Neuvergabe der Fernsehrechte spülte erstmals mehr als 100 Mio. DM in die Kassen der Klubs. Ebenso wurde erstmals in dieser Saison die Champions League ausgespielt. Die berühmten Fleischtöpfe als Lohn für die Teilnahme an den europäischen Wettbewerben wurden somit ebenfalls immer praller.


Zur Jahrtausendwende gab es die nächste Explosion der Erlöse: Sage und schreibe durchschnittlich jährlich 750 Mio. DM (ca. 375 Mio €) für die vier Spielzeiten 2000/2001 – 2003/2004 sollten an die Vereine ausgezahlt werden. Durch die Insolvenz des Medienmoguls Leo Kirch im April 2002 schlitterten viele Verein in die Kirch-Krise. Bis zur Spielzeit 2012/2013 steigerten sich die Einnahmen nur geringfügig auf 441 Mio. €. In den 21 Jahren von 1992/93 bis 2012/2013 wurde zwar Bayern München auch 11 Mal Meister. Allerdings gab es mit dem BVB (5x) Werder Bremen (2x), VfL Wolfsburg, VfB Stuttgart und dem 1. FC Kaiserslautern (alle je 1x) fünf weitere Meister.


Seit der Saison 2013/14 steigerten sich die TV-Gelder zunächst auf 673 Mio. € (2016/17) und seit der Folge-Saison (2017/18) durchschnittlich auf über 1,1 Mrd. € je Saison. Das bedeutet mehr Geld für alle Vereine in Summe, aber auch mehr Geld für die Mannschaften mit sportlichem Erfolg. Seit 2013/14 gibt es übrigens nur noch Bayern München als Meister.


Ob eine Umverteilung der Fernsehgelder eine Chancengleichheit und somit mehr Wettbewerb bringt, wird aktuell eifrig diskutiert. An dieser Diskussion möchte ich mich gar nicht beteiligen. Aber als Traditionsverein mit großer Anhängerschaft wäre es vielleicht überlegenswert, die Fernsehgelder auf die Einschaltquoten der Spiele zu verteilen...


Aber seien wir mal ehrlich: Die Krux der Abhängigkeit von den enorm hohen Fernsehgeldern ist doch das Diktat der übertragenden Sender auf die Anstoßzeiten der Spiele. Von „Pro 15:30“ sind wir mittlerweile weit entfernt. Damals, als „Hart aber Fair“ noch im WDR lief, waren wir im Publikum, als die Diskussion und Fanproteste über Spieltagszerstücklung ihren Höhepunkt erreichten. Ein Macher von SAT 1 sprach eine Floskel, die ich bis heute nicht vergessen habe: „Erlebte Normalität“. Er bezog sich darauf, dass irgendwann der zerstückelte Spieltag nicht mehr in Frage gestellt wird, da es ja in Zukunft normal ist. Wir „Alten“ kennen also noch „Samstagmittag geht es los, ins Stadion zum Bökelberg“ als Normalzustand in jeder Hinsicht.


Als Hüter der Fankultur bewahren wir diese Normalität für die nachfolgende Generation.


Genauso, wie die Normalität der Auswärtssiege in K***.