Die Leidenschaft darf niemals verschwinden

Morgen zählt nur ein Sieg, könnte man meinen. Allein auf das Sportliche bezogen wird dies jeder Gladbacher unterschreiben, egal ob auf dem Platz, an der Seitenlinie oder auf den Rängen. Das Spiel gegen RB ist aber eben nicht irgendein Spiel.


Morgen steht nicht eine Gastmannschaft auf Platz, die einen starken Sponsor im Rücken hat, die wohlmöglich große Clubanteile für immer verkauft hat. Dies alleine wäre schon sehr bedenklich. Nein, es ist weitaus schlimmer, und dies darf man nicht aus den Augen verlieren. Morgen ist ein Konstrukt zu Gast im BORUSSIA-PARK, ein Verein, der allein zu Werbezwecken von der grünen Wiese gepickt wurde. Hier hat ein Unternehmen einen ganzen Verein gekauft, nutzt Mannschaft, die eigenen Fans, Stadien und Medien als einzig große Werbefläche. Es ist kein Mitgliederverein, nicht mal eine Werkself oder ein von einem Mäzen abhängiger Club. Es ist die Steigerung all dessen, was die 50+1-Regel ad absurdum führt. Das Konstrukt intensiviert die Wettbewerbsverzerrung innerhalb der Liga in erheblichem Maße. Auch das ist eine Ursache für die maßlosen Stilblüten, die den Fußball zurzeit prägen: Streikende Profis, die den Wechsel erzwingen, hochdotierte Transfers inzwischen von 16-jährigen...

Wir dürfen den Blick auf diese Ursachen nicht verlieren. Die haben sich nämlich nicht verändert seit der Zeit, in der sich die aktive Fanszene in Mönchengladbach Gedanken gemacht hat. Mit dem abzusehenden Aufstieg von RB suchte sie Antworten auf die Frage, wie man dem Konstrukt entgegentritt. Man konzentrierte sich auf sich selbst, auf die Tradition Borussias und ihrer Fans und wählte einen besondere Form des Protestes: in den ersten 19:00 Minuten des Spiels wird geschwiegen, um im Anschluss bedingungslos zu supporten. Dies wurde von der aktiven Fanszene in den letzten Jahren gemeinsam vereinbart und wird dauerhaft bei jedem Spiel gegen RB erfolgen.

Mannschaft und Verein wurden auch diesmal wieder informiert, wissen durch den Austausch auf mehreren Ebenen auch um die Motive. Selbstredend ist man hier nicht begeistert und wünschte sich Unterstützung von der ersten Minute an. Gleichwohl respektiert man den Protest als Form der freien Meinungsäußerung. Auf die Frage eines Medienvertreters, ob der Protest nicht langweilig und Wichtigtuerei sei, verwies Max Eberl eben auf die Meinungsfreiheit in Deutschland und antwortete weiter: „Unsere Fans haben sich dazu entschieden zu diesem stillen Protest. Das akzeptieren wir, das ist an uns offen kommuniziert. Meine große Hoffnung ist dann ab der 19. Minute die volle Unterstützung für unsere Mannschaft.“

Max, die Unterstützung für die Mannschaft sei Dir gewiss! Mannschaft und auch die Vereinsführung wissen also, dass sich der Protest keinesfalls gegen sie richtet. Zugegeben, es fällt nicht leicht, die ersten 19 Minuten zu schweigen. Der 12. Mann spielt gerade auch bei der Borussia eine große Rolle. Vor diesem Hintergrund wünschten sich nicht wenige Fans eine andere Art des Protestes. Auch diese wird es vielleicht geben, etwa in Form von Bannern. Ist es aber nicht bezeichnend, dass von den vielen Bannern, die RB bislang schon kritisch beleuchteten, nur ein einziges Aufmerksamkeit weckte und bis heute in Erinnerung blieb? Es war das einzig geschmacklose unter allen. Was ist mit den vielen kreativen, teils humorvollen Bannern, deren Aussagen nicht ohne Wert sind? Leider wird hier nicht adäquat berichtet, erst recht nicht über die Inhalte, über das, an dem sich Fans reiben. So sehr die 19 Minuten auch schmerzen, so wichtig sind sie doch über den einzelnen Spieltag hinaus. Sie sind weder langweilig noch tun sie wichtig. Sie mögen im Augenblick wenig bewirken, aber sie verweisen in besonderem Maße auf die Fehlentwicklung im deutschen Rasenballsport.

Der Fußball mag in die Fußballstadt Leipzig zurückgekehrt sein, aber zu welchem Preis? Die aktive Fanszene in Gladbach lehnt das Konstrukt RB grundsätzlich ab und wird nicht müde, auf die Gefahren hinzuweisen, die den Fußball, wie wir ihn kennen, massiv bedrohen. Sie treibt die Sorge um, dass die Leidenschaft aus dem Fußball verschwindet. Diese Sorge ist die Motivation für den Protest!

Auch in Sachsen gibt es übrigens eine Tradition im Fußball, und dies seit mehr als einem Jahrhundert. Die Teilung Deutschlands brachte es mit sich, dass sich der Fußball in beiden Teilen recht unterschiedlich entwickelte. Leidenschaft jedoch, die gab es hüben wie drüben. „Drüben“ gab es nicht wenige, die auch die Bundesliga mit Spannung verfolgten, und nicht nur das: der ein oder andere war mit Leib und Seele Anhänger eines Westclubs. Borussia spielte dabei eine nicht unerhebliche Rolle. Einen ganz besonderen Fan wollen wir euch morgen im FanHaus näher bringen: Wolle, geboren in Mönchengladbach, aufgewachsen in Dresden, spricht morgen ab 13:30 Uhr mit Autor Alex Raack über sein Leben als Fan zwischen Ost und West. „Ich hab‘ die DDR nicht verlassen, weil mir die Wurst nicht schmeckte, sondern weil ich auf den Bökelberg wollte!“ Taucht mit uns ein in dieses besondere Leben! Das FanHaus öffnet für diese Buchpremiere bereits um 13 Uhr. Nach dem Spiel gegen RB wird gefeiert: DJ Totti erfreut dann vor allem die Fans von Deutsch- und Punkrock. Der morgige Tag hat es also in sich!